Wären Sie gerne der Pressesprecher von Donald Trump? Ich nicht. Einen so cholerischen, unberechenbaren und egomanischen Chef wünscht sich niemand. Wahrscheinlich sieht das sogar Sean Spicer so, der macht gerade diesen Job im Weißen Haus. „Ich befinde ich mich in einem anhaltenden Krieg mit den Medien“ beschreibt Donald Trump sein Verhältnis zur Presse. Damit wissen die Damen und Herren von den Medien Bescheid.

Spicer rips media’s Trump coverage (Full remarks)

Als Hauptdarsteller in diesem einseitig erklärten Krieg ist Sean Spicer eine gelungene Besetzung: Der schneidige Marinereservist legte mit rekordverdächtigen vier nachweislich falschen Aussagen innerhalb von fünf Minuten und 48 Sekunden bei seiner ersten Pressekonferenz (hier das Video des Pressebriefings) im neuen Amt die Latte für künftige fake news-Produzenten hoch. Apropos Pressekonferenz: im Rahmen seines knappen Statements – Rückfragen oder gar eine Diskussion gab es nicht – faltete Trumps Pressechef die versammelten Journalisten zusammen und drohte ihnen wenig verklausuliert. Ein Anschiss wie bei der Armee eben.

Auf den ersten Blick ging Spicers Versuch, Fakten zu befehlen, gründlich schief. Von Eloquenz und einer gehörigen Portion Dreistigkeit zeugte die nachgeschobene Interpretation von Trumps Beraterin Kellyanne Conway, die Spicers Falschaussagen bezüglich der Zuschauerzahlen bei Trumps Vereidigung zu „alternative facts“ umdeutete. Empörte Reaktionen in den Medien und den Social Networks folgten. Verständlich, denn Lügen bleiben Lügen. Hohn und weltweite Häme sind Spicer und Conway sicher. Für Kabarettisten ist der neue Präsident samt seinem Stab ein Segen. Für Kommunikatoren und Marken auch: So twitterte beispielsweise das für lockere Sprüche bekannte Social Media Team der Deutschen Bahn selbstironisch: „Gute Neuigkeiten: Die Pünktlichkeit unserer Züge liegt heute bei 120 Prozent. #alternativefacts.“

So weit, so gut, so lustig. Aber was bedeutet diese Art von Pressebriefing für das Verhältnis von PR und Journalismus? Und vor allem: welchen Plan verfolgt Trump mit seinem Krieg gegen die Medien? Bemerkenswert ist, dass das Interesse der weltweiten Berichterstattung fast ausschließlich einem einzigem Thema galt: den Zuschauerzahlen bei Trumps Vereidigung vor dem Kapitol in Washington. Nur: wie wichtig ist dieses Thema? Wen interessiert das – außer den narzisstischen US-Präsidenten?

Viel spannender und wichtiger gewesen wäre es, die konkreten Folgen Trumps erster präsidialen Verfügungen zu diskutieren. Mit ihnen hat er Obamas Gesundheitsreform teilweise ausgehebelt und finanzschwachen Hauskäufern höhere Hypothekenzahlungen beschert. Insofern halte ich die Diskussion über das angeblich größte Publikum, das jemals eine Amtseinführung, hatte für geschickt eingefädelt: Trumps Pressesprecher hat mit seinem denkwürdigem Auftritt gezeigt, wie man ein völlig nebensächliches Randthema auf die Agenda der Weltpresse setzt, eine Diskussion über Politik vermeidet und gleichzeitig seine Anhänger in ihren Vorurteilen gegenüber der vermeintlich lügenden Presse bestätigt.

Ein fast verstörendes Lehrstück.

Dieser Kommentar wurde auf W&V erstveröffentlicht.

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