Warum die UEFA mit dem Regenbogenverbot unfreiwillig Gutes bewirkt hat und welche Chance die Sponsoren in Sachen Krisen-PR verpasst haben.

Ins Stadion gehören die Fans und der Fußball, aber nicht die politische Debatte. So postuliert es die UEFA. Das klingt eigentlich ganz vernünftig. Über politische Themen können wir in der Teeküche oder auf Twitter diskutieren, im Biergarten grantln oder dem Friseur unseres Vertrauens einen kleinen Vortrag halten. Während der Fußball-Europameisterschaft gilt: Fußball pur und die Politik macht Pause. Diese Maxime ist nicht neu. Bereits in der Antike war in Griechenland während der Olympischen Spiele das Tragen von Waffen verboten.

„Der kommunikationsstrategische Denkfehler“

Die Haltung der UEFA basiert allerdings auf einem Denkfehler. Politik kann man nicht einfach ein- und ausschalten wie die Stadionbeleuchtung. Mitglieder von Ultra-Gruppierungen, die sich homophob und rassistisch äußern – leider auch während der EURO 2021 wieder der Fall – sind ein hochpolitisches Problem. Eine Herausforderung, bei der die UEFA seit Jahren mit ihrer Kampagne NO TO RACISM klare Kante zeigt, was ich für gut und hilfreich halte.

Fußball und Politik lassen sich nicht trennen. Ich gehe sogar einen Schritt weiter. Gerade die Aufladung mit Purpose – die Einbeziehung von Werten – kann dem Profifußball helfen, weiter akzeptiert zu werden. Denn der heutige Fußball ist nicht kommerzialisiert. Er ist hyperkommerzialisiert. Er ist im Begriff seine Seele zu verlieren. Ein Phänomen, das auch den Sponsoren auf die Füße zu fallen droht. Internationale Top-Vereine werden ge- und verkauft wie gebrauchte Autos, gehören fragwürdigen russischen Oligarchen und Scheichs. Wettbewerbe werden immer weiter aufgebläht, Spieler mutieren vom Local Hero zum austauschbaren Millionär in kurzen Hosen. Das Financial Fairplay funktioniert nicht. Die Identifikation bröckelt. Viele Fans, die den Fußball lieben, denken darüber nach sich abzuwenden. Für wen ist dieses hochkommerzielle Spektakel überhaupt noch relevant?

„Gerade Purpose kann dem Profifußball helfen, weiter akzeptiert zu werden.“

Jetzt kommt der Purpose ins Spiel: Die Regenbogendebatte zeigt, wie der Fußball gesellschaftlich an Relevanz gewinnen kann, wie er sich inhaltlich und emotional aufladen lässt. Purpose als Klammer, die Sport, Politik, Wirtschaft und Fans zusammenhält: Manuel Neuer steht mit Regenbogenkapitänsbinde im Tor, Markus Söder sitzt mit Regenbogenmundschutz auf der Tribüne, während Sponsor Warsteiner vor dem Stadion im Regenbogendesign ein buntes Europa feiert. Fassaden, Logos, Websites – gefühlt illuminiert der Regenbogen einen Abend lang das ganze Land und wirbt für Toleranz, Akzeptanz und Vielfalt. Starke Bilder und emotionale Momente die Menschen verbinden und viele Fans versöhnlich stimmen. Danke dafür liebe UEFA! Ihr habt den Regenbogen durch euer Verbot erst richtig gepusht und mit einer falschen Krisenkommunikation den Shitstorm zusätzlich angeheizt.

Eine Chance haben die Sponsoren an diesem Abend trotzdem vergeben. Für einen global player wie Adidas oder VW wäre die Vertragsstrafe, die fällig geworden wäre, wenn der Stadionbetreiber die Allianz-Arena doch in Regenbogenfarben erstrahlen lassen hätte, keine große Summe. Kommunikativ wäre die Aktion weltweit beachtet worden und der Sponsor hätte viele neue Herzen gewonnen. Ein Herz mit seinen Händen formte der „Man of the Match“, Leon Goretzka nach seinem Ausgleichstreffer beim letzten Gruppenspiel der Deutschen Mannschaft. Er zeigte es einer Horde pöbelnder ungarischer Hooligans und setzte damit ein Zeichen für genau den Fußball, den wir lieben und als integrierende Plattform mehr denn je brauchen.

Erstveröffentlichung des Beitrags in HORIZONT am 24. Juni 2021: Regenbogen-Debatte: Wie die UEFA unfreiwillig Gutes bewirkt hat – und warum der Fußball Purpose braucht (horizont.net)

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